Wenn jemand einen Schlaganfall hat, bricht für die Angehörigen eine Welt zusammen. Man steht plötzlich vor einer Intensivstation und versteht nichts. Was machen die Ärzte? Warum dauert alles so lang? Wird das wieder? Ich beschreibe hier, was in meiner ersten Woche passiert ist. Nicht jeder Verlauf ist gleich, aber die Grundstruktur ist bei vielen Schlaganfällen ähnlich.
Tag 1: Die Notaufnahme
Ich war auf einem Ergometer im Fitnessstudio, als ich plötzlich nach rechts kippte. Meine Freundin bemerkte, dass ich meine rechte Seite nicht mehr bewegen konnte und nicht mehr sprechen konnte. Sie rief den Rettungsdienst.
In der Notaufnahme geht alles schnell. Ein sogenannter Stroke Code wird aktiviert. Das bedeutet: alle relevanten Ärzte werden sofort gerufen. Innerhalb von Minuten wurde ein CT meines Kopfes gemacht. Das zeigte die Blutung. Dann ein CT-Angiogramm, um die Gefäße zu untersuchen. Blutabnahme. EKG. Neurologische Untersuchung mit einem standardisierten Test, dem NIHSS. Mein Score war 14 von 42, was einem mittelschweren bis schweren Schlaganfall entspricht.
Die Neurochirurgie wurde hinzugezogen. Entscheidung: Keine sofortige Operation nötig. Verlegung auf die neurologische Intensivstation.
Für Angehörige: In dieser Phase kann man wenig tun. Das Team arbeitet. Man wartet. Das ist normal und das Warten ist das Schlimmste.
Tag 2: Intensivstation und Verschlechterung
Auf der Intensivstation wird engmaschig überwacht: Blutdruck, Pupillen, neurologischer Status. Alle paar Stunden kommt jemand und prüft, ob sich etwas verändert hat.
Bei mir verschlechterte sich der Zustand über Nacht. Am Abend vorher konnte ich noch mit der linken Hand ein paar Wörter schreiben. Am Morgen ging das nicht mehr. Ich konnte auch keine Buchstaben mehr unterscheiden. Ein MRT zeigte, dass die Blutung gewachsen war und das Gehirn stärker auf die andere Seite gedrückt wurde.
Die Ärzte entschieden sich für eine konventionelle Angiografie: Ein Katheter wurde durch die Leiste bis in die Hirngefäße vorgeschoben, um nach der Ursache der Blutung zu suchen. Ergebnis: nichts gefunden. Das Mannitol, ein Medikament gegen die Hirnschwellung, wurde gestartet.
Für Angehörige: Tag zwei ist oft der schwierigste. Es kann sein, dass sich der Zustand verschlechtert, bevor es besser wird. Das bedeutet nicht automatisch, dass es schlecht ausgeht. Die Ärzte beobachten genau und passen die Behandlung an.
Tag 3 bis 4: Stabilisierung und erste Therapie
Nachdem die Blutung aufgehört hatte zu wachsen, begann die Rehabilitation. Schon auf der Intensivstation. Das klingt früh, ist aber gewollt. Je früher man anfängt, desto besser die Ergebnisse.
Bei mir kamen nacheinander: Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Am dritten Tag konnte ich mit zwei Helfern an der Bettkante sitzen. Stehen ging noch nicht. Schlucken war ein Problem, also wurde ein Video-Schlucktest gemacht, um festzustellen, welche Konsistenzen sicher sind. Ergebnis: Nur pürierte Kost und angedickte Flüssigkeiten. Keine Strohhalme.
Die Logopädin versuchte eine erste Sprachuntersuchung. Ich wurde frustriert und weinte. Die Untersuchung wurde abgebrochen und auf den nächsten Tag verschoben.
Für Angehörige: Die Therapie beginnt schneller als man denkt. Das ist gut so. Aber es ist auch emotional. Die betroffene Person wird mit ihren Defiziten konfrontiert. Das kann zu Tränen und Frustration führen. Das ist normal und kein Grund zur Sorge.
Tag 4 bis 5: Die Familie kommt
Bei mir war die Situation besonders: Meine Familie war in Österreich, ich in Minnesota. Mein Handy war in meinem Spind im Fitnessstudio eingesperrt, niemand kannte den Code. Der Sozialdienst musste über das internationale Büro der Klinik nach meiner Schwester suchen.
Am vierten Tag kamen meine Schwester und mein Freund. Das war ein Wendepunkt. Plötzlich war jemand da, der für mich sprechen konnte, der meine Vorgeschichte kannte und der bei Entscheidungen helfen konnte.
Für Angehörige: Wenn ihr von einem Schlaganfall eines Familienmitglieds erfahrt, versucht so schnell wie möglich vor Ort zu sein. Nicht weil ihr medizinisch helfen könnt, sondern weil die betroffene Person jemanden braucht, der ihre Interessen vertritt, Fragen stellt und einfach da ist.
Tag 5 bis 7: Routine auf der Intensivstation
Ab jetzt entsteht ein Rhythmus. Jeden Morgen Visite. Regelmäßige Blutabnahmen, um die Medikamentenwirkung zu überwachen. Tägliche Therapie: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, jeweils dreißig bis fünfzig Minuten. Regelmäßige CT-Kontrollen, um die Schwellung zu überwachen.
Ich machte in dieser Phase kleine, aber stetige Fortschritte. Am fünften Tag konnte ich mit Hilfe von zwei Personen kurz an der Bettkante stehen. Am sechsten Tag konnte ich beim Singen die letzte Zeile eines Liedes mitsingen, mein erster sprachlicher Durchbruch. Am siebten Tag begann ich, einzelne Wörter zu sagen.
Die Ärzte besprachen den Plan für die weitere Rehabilitation. Weil ich in Amerika war und meine Familie in Österreich, wurde geplant, mich so bald wie möglich nach Österreich zu verlegen, für die stationäre Rehabilitation.
Für Angehörige: In dieser Phase könnt ihr viel tun. Bei der Therapie anwesend sein und die Übungen lernen. Fragen stellen, alles aufschreiben. Die Versicherung kontaktieren. Die Arbeitgeberin informieren. Einen Rehabilitationsplatz suchen. Diese organisatorischen Aufgaben sind enorm und fallen auf die Angehörigen.
Was ich gerne vorher gewusst hätte
Es dauert. Die erste Woche fühlt sich an wie ein Monat. Aber es wird besser.
Die Ärzte reden viel. Nicht alles davon ist verständlich. Es ist okay, nachzufragen. Es ist okay, sich etwas aufschreiben zu lassen.
Die betroffene Person versteht mehr als man denkt. Redet nicht über sie, als wäre sie nicht im Raum.
Fortschritte kommen nicht gleichmäßig. Ein guter Tag kann von einem schlechten gefolgt werden. Das ist normal.
Esst, trinkt, schlaft. Als Angehörige seid ihr genauso in einer Krise. Ihr könnt nicht helfen, wenn ihr selbst zusammenbrecht.