Nach meinem Schlaganfall war ich stumm. Nicht weil ich nichts zu sagen hatte, sondern weil die Verbindung zwischen Denken und Sprechen unterbrochen war. Ich konnte nicken. Ich konnte weinen. Aber kein Wort kam raus. Das ist Aphasie.
Was Aphasie ist
Aphasie ist eine Sprachstörung, die durch eine Schädigung im Gehirn entsteht, meistens durch einen Schlaganfall. Wichtig: Es ist keine geistige Behinderung. Man denkt noch. Man versteht oft mehr als man zeigen kann. Aber die Sprache funktioniert nicht mehr richtig. Das kann das Sprechen betreffen, das Verstehen, das Lesen, das Schreiben oder alles zusammen.
Bei mir war es am Anfang alles zusammen. Die Ärzte nannten es "globale Aphasie". Ich konnte nicht sprechen, nicht schreiben, und hatte Schwierigkeiten, komplexe Anweisungen zu verstehen. Am ersten Abend in der Klinik konnte ich noch ein paar Wörter mit der linken Hand schreiben. Am nächsten Morgen ging auch das nicht mehr, weil die Blutung über Nacht größer geworden war.
Wie sich Aphasie anfühlt
Stell dir vor, du wachst in einem Land auf, dessen Sprache du nicht sprichst. Du verstehst Bruchstücke. Du weißt genau, was du sagen willst, aber es kommt nicht raus. Die Leute reden über dich, neben dir, manchmal an dir vorbei. Und du kannst nicht einmal sagen: "Ich bin noch da."
In meiner Krankenakte steht: "Patient unable to state goals this date." Ich hatte Ziele. Ich wollte wieder sprechen, wieder gehen, meinen rechten Arm bewegen. Ich konnte es nur nicht sagen.
Das Frustrierendste war die Hilflosigkeit. Am vierten Tag versuchte meine Logopädin, meine Sprachfähigkeiten zu testen. Ich sollte Laute nachsprechen, Buchstaben erkennen, Bilder benennen. Als es nicht funktionierte, habe ich angefangen zu weinen. Meine Freundin sagte der Therapeutin, ich hätte gerade erst die MRT-Ergebnisse erfahren und sei emotional. Aber es war mehr als das. Es war die Erkenntnis, dass etwas Grundlegendes kaputt war.
Die verschiedenen Gesichter der Aphasie
Aphasie ist nicht immer gleich. Es gibt verschiedene Formen:
Globale Aphasie: Die schwerste Form. Sprechen und Verstehen sind stark beeinträchtigt. Das hatte ich am Anfang.
Broca-Aphasie: Man versteht gut, kann aber nur mühsam und in kurzen Brocken sprechen. Oft stockend, mit viel Anstrengung.
Wernicke-Aphasie: Man spricht flüssig, aber der Inhalt ergibt keinen Sinn. Das Verstehen ist stark gestört.
Amnestische Aphasie: Man findet bestimmte Wörter nicht. Alles andere funktioniert weitgehend. Das habe ich heute noch, besonders wenn ich nervös bin oder müde.
Dazu kam bei mir eine Apraxie der Sprache. Das bedeutet, mein Mund und meine Zunge wussten nicht mehr, wie sie sich bewegen müssen, um Laute zu formen. Mein Gehirn konnte die Bewegungsabläufe für das Sprechen nicht mehr planen. Auch das musste ich neu lernen, Laut für Laut.
Wie die Sprache zurückkommt
Bei mir kam die Sprache in Stufen zurück. Nicht gleichmäßig, nicht vorhersehbar, aber stetig:
Tag 1 bis 3: Komplett stumm. Kommunikation nur durch Nicken und Kopfschütteln.
Tag 4: Erste Therapieversuche. Konnte einzelne Laute mit Hilfe nachahmen. Großer Frust.
Tag 6: Konnte beim Singen bekannter Lieder die letzte Zeile mitsingen. Erster Durchbruch.
Tag 7: Einzelne Wörter kamen. Die Namen meiner Familie. Hallo. Tschüss. Badezimmer.
Tag 8: Begann spontan kurze Sätze zu versuchen. Noch sehr fragmentiert.
Tag 9: Konnte bei bekannten Liedern ganze Phrasen singen mit über sechzig Prozent Genauigkeit. Schrieb ihren eigenen Namen richtig.
Die Logopädinnen an der Mayo Clinic arbeiteten täglich mit mir, manchmal fast eine Stunde pro Sitzung. Auditive Verständnisübungen, Nachsprechen, Lesen, Schreiben, Gesten, Kommunikationstafeln. Alles parallel.
Was Angehörige tun können
Wenn jemand in deinem Umfeld Aphasie hat, gibt es ein paar Dinge, die wirklich helfen:
Sprich normal. Nicht lauter, nicht langsamer, nicht in Babysprache. Die Person ist nicht schwerhörig und nicht dumm. Sie hat ein Sprachproblem.
Gib Zeit. Die wichtigste Regel. Nicht den Satz beenden. Nicht raten. Warten. Auch wenn es lange dauert. Der Moment, in dem jemand selbst das Wort findet, ist unbezahlbar.
Stelle Ja-Nein-Fragen. Statt "Was möchtest du trinken?" lieber "Möchtest du Wasser?" Nicken ist einfacher als ein Wort finden.
Nutze Hilfsmittel. Bilder, Gesten, eine Kommunikationstafel, eine App auf dem Handy. Alles was hilft, die Botschaft rüberzubringen, ist erlaubt.
Rede nicht über die Person, als wäre sie nicht da. In meiner Krankenakte steht immer wieder: "History obtained from sister. Patient unable to contribute." Das stimmte medizinisch. Aber ich war im Raum. Ich habe zugehört. Ich habe verstanden.
Akzeptiere Frustration. Wenn jemand mit Aphasie weint oder wütend wird, ist das keine Übertreibung. Es ist der Ausdruck einer enormen inneren Spannung zwischen Wollen und Nicht-Können.
Aphasie ist nicht das Ende
Meine Diagnose bei der Entlassung war: Aphasie, mittel. Heute halte ich Vorträge, schreibe Artikel und diskutiere mit KollegInnen über Bioinformatik. Nicht perfekt, aber es geht. Wenn ich müde oder nervös bin, fehlen mir Wörter. Auf Englisch mehr als auf Deutsch. Aber die Sprache ist da. Sie ist zurückgekommen. Nicht von allein, sondern durch harte Arbeit, gute TherapeutInnen und viel Geduld von den Menschen um mich herum.
Weiterführende Links
Der Standard: Aphasie: Damit die Worte wieder flüssig kommen (derstandard.at)