Klettern und Schlaganfall, das klingt im ersten Moment nicht zusammen. Wer eine halbseitige Lähmung hat, denkt nicht zuerst an eine Kletterwand. Genau das macht therapeutisches Klettern so interessant: es bringt das Gehirn in eine Situation, die es so noch nicht kennt, und genau dort entstehen oft neue Verbindungen.

Was therapeutisches Klettern ist

Therapeutisches Klettern findet meistens an einer Boulderwand oder einer niedrigen Kletterwand statt. Du bist nicht hoch oben, der Untergrund ist gepolstert, und es geht nicht um Leistung oder Höhe. Es geht darum, dass dein Körper aufmerksam wird und in jeder einzelnen Bewegung präsent ist.

Eine Therapeut:in plant die Übungen so, dass sie zu deinem aktuellen Stand passen: leichte Routen, kurze Bewegungen, viele Pausen. Du kletterst nicht über jemanden hinweg oder nach oben, sondern seitlich und langsam, oft nur ein paar Züge auf einmal.

Was dabei passiert im Körper

Klettern trainiert mehrere Dinge gleichzeitig, die nach einem Schlaganfall oft Baustellen sind:

*Kraft.* Schon das Halten des eigenen Körpergewichts mit Beinen und Armen fordert die ganze Muskulatur. Auch ohne große Bewegung wird die Stabilität trainiert.

*Gleichgewicht.* Jeder Schritt an der Wand verlangt, dass du dein Gewicht verlagerst. Anders als beim normalen Stehen passiert das in alle Richtungen, auch nach hinten und seitlich.

*Koordination zwischen den Körperhälften.* Wenn dein Bein hochkommt, muss der Arm auf der anderen Seite festhalten. Das Gehirn muss beide Seiten gleichzeitig steuern. Genau das, was nach einem Schlaganfall häufig schwierig ist.

*Konzentration.* Du kannst beim Klettern nicht in Gedanken woanders sein. Welcher Griff kommt als nächstes? Wo kann mein Fuß hin? Diese Aufmerksamkeit ist Therapie für sich, weil sie die Aufmerksamkeitsregulation trainiert.

*Selbstvertrauen.* Eine Bewegung an der Wand zu schaffen, die du dir nicht zugetraut hast, ist ein anderes Erfolgserlebnis als zehn Wiederholungen auf der Therapieliege.

Was therapeutisches Klettern nicht ist

Es ist kein Hochleistungssport. Es ist nicht nur was für Junge, Sportliche oder Fitte. Auch Menschen mit deutlichen Einschränkungen klettern an niedrigen Wänden mit angepassten Routen. Die Therapeut:in passt die Aufgaben an dich an, nicht umgekehrt.

Es ist auch nicht ungefährlich, wenn es gut gemacht wird. Boulderwände sind so niedrig, dass ein Fall auf den dicken Mattenboden in der Regel sicher ist. Das Risiko ist nicht höher als bei vielen anderen Bewegungstherapien.

Wo du das in Österreich findest

In Linz gibt es Birgit Tevnan, MSc, die als Wahlergotherapeutin neurologische Rehabilitation und therapeutisches Klettern anbietet. Mobile Praxis in Linz und Linz-Land. Kontakt: 0660 357 64 89, therapie@tevnan.io, https://therapie.tevnan.io. Sie ist auch in unserem Therapeut:innen-Verzeichnis gelistet.

Generell wächst das Angebot. Viele Boulderhallen in Österreich haben inzwischen Kooperationen mit Physio- oder Ergotherapeut:innen, die spezielle Stunden für Menschen mit neurologischen Erkrankungen anbieten. Frag in der nächsten Boulderhalle nach oder bei deiner Therapeut:in, ob sie diesen Ansatz nutzen oder Kontakte vermitteln kann.

Was du wissen solltest

Therapeutisches Klettern ist meistens eine Wahltherapie, also nicht direkt von der Krankenkasse gedeckt. Manche Versicherungen erstatten anteilig, das hängt von deiner Situation ab.

Du brauchst keine Vorerfahrung. Du brauchst keine besondere Ausrüstung. Bequeme Kleidung und eine Therapeut:in, die das anbietet, reichen.

Geh nicht alleine zur Boulderhalle, wenn du nach einem Schlaganfall noch unsicher bist. Therapeutisches Klettern ist immer angeleitet, das macht den Unterschied zwischen Therapie und einfach nur sportlicher Aktivität.

Für wen das passen kann

Wenn du in der subakuten oder chronischen Phase bist, schon wieder gut auf den Beinen, aber Bewegungen mit beiden Körperhälften noch herausfordernd sind, ist Klettern eine spannende Ergänzung. Es macht Spaß. Es ist nicht das hundertste Mal Mattenarbeit. Und es bringt deinen Körper in Situationen, die du nirgendwo anders trainierst.

Ich finde an dem Ansatz besonders gut, dass er das Gegenteil von eintönig ist. Nach Monaten Reha-Routine ist das oft genau das, was fehlt.