Am Anfang habe ich gar nicht bemerkt, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Und dann begann der lange Weg zurück.
Sprechen war immer mein Ding. Ich war schnell, schlagfertig, redselig. Vor meinem Schlaganfall habe ich auf einer Konferenz vor 300 Leuten meinen Vortrag gehalten, vor den führenden Köpfen in meinem Fachgebiet. Ich war nervös, aber sobald ich angefangen habe zu reden, war die Nervosität weg. Das war ich. Reden konnte ich.
Dann war es weg.
Der langsame Weg zurück
Die Sprache kam langsam zurück. Nicht in einem Moment, nicht durch ein Wunder, sondern Stück für Stück. Zuerst einzelne Laute, dann Wörter, dann kurze Sätze. Heute spreche ich wieder. Auf Deutsch so gut, dass Menschen, die mich nicht von früher kennen, nicht unbedingt merken, dass etwas ist. Vielleicht denken sie, ich spreche besonders bewusst. Oder langsamer als andere. Aber sie wissen nicht, was dahintersteckt.
Die Menschen, die mich von vor dem Schlaganfall kennen, wissen es. Sie wissen, dass ich viel verloren habe. Nicht die Intelligenz, nicht die Gedanken, aber die Geschwindigkeit und die Leichtigkeit, mit der ich früher gesprochen habe.
Die Bedingungen entscheiden
Meine Aphasie ist nicht immer gleich. Es hängt davon ab, wo ich bin, mit wem ich spreche und wie ich mich fühle.
Wenn ich entspannt bin und mich sicher fühle, fließen die Worte. In einem vertrauten Umfeld, mit geduldigen Menschen, bin ich fast wie früher.
Wenn ich nervös bin, aufgeregt, unter Druck: dann stockt es. Das Wort liegt auf der Zunge, ich spüre es fast, aber es kommt nicht raus. Je mehr ich es erzwingen will, desto schlimmer wird es.
Wenn mein Gegenüber auf die Uhr schaut, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Zeit abläuft, dass ich zu langsam bin, dass ich die Geduld der anderen Person strapaziere, dann bricht die Sprache ein.
Wenn ich müde bin, am Ende eines langen Tages, wird es schlechter. Die Sprache braucht Energie. Und wenn die Energie aufgebraucht ist, sind die Worte die ersten, die gehen.
Wenn ich in einen Computer spreche, ohne ein Gesicht, ohne Reaktion, kommen die Worte falsch raus oder gar nicht.
Deutsch und Englisch
Auf Deutsch habe ich es geschafft. Ich unterrichte inzwischen an der Universität, vor fünfzig Studierenden. Das geht. Auf Deutsch fühle ich mich sicher.
Englisch ist eine andere Geschichte. Ich spreche es fließend, verstehe alles, kann alles lesen. Aber wenn ich nervös werde, versagt das Englische zuerst. Es ist, als ob das Gehirn bei Stress zuerst die zweite Sprache abschaltet.
Das Interview in Zürich
2023, als mich myAbility (eine Firma, die Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung fördert) fragte, ob ich ein Interview in Zürich geben könnte, habe ich ja gesagt. Weil ich Herausforderungen annehme. Weil ich mich nicht hinter meiner Aphasie verstecken will.
Es war eine Katastrophe. Ich war nervös, die Worte kamen nicht, ich habe mich verheddert. Es war genau die Situation, in der alles zusammenkommt: fremde Umgebung, hoher Druck, Erwartungen.
Ich habe es als Lernerfahrung genommen. Nicht als Beweis, dass ich es nicht kann, sondern als Information darüber, unter welchen Bedingungen es schwierig wird.
Was seitdem passiert ist
Seitdem habe ich bei den Sensing Journeys von myAbility vor zwanzig Leuten gesprochen. Ich unterrichte jetzt regelmäßig. Ich habe gelernt, welche Situationen funktionieren und welche nicht. Und ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, perfekt zu sprechen, sondern darum, es trotzdem zu tun.
Telefonieren
Telefonieren war lange Zeit mein größtes Problem. Kein Gesicht, keine Gesten, keine Möglichkeit, eine Pause mit einem Blick zu erklären. Nur Stimme. Und wenn die Stimme nicht kommt, ist am Telefon Stille.
Kurz nach meinem Schlaganfall musste ich beim Finanzamt anrufen. Ich habe mich vorbereitet: einen kurzen Text geschrieben, wer ich bin und was ich brauche. Damit ich ihn ablesen konnte, falls ich stecken blieb.
Als ich anrief, bin ich trotzdem eingefroren. Aber ich hatte eine Strategie: Ich sage sofort, dass ich einen Schlaganfall hatte und dass es etwas dauern wird, bis ich sagen kann, was ich brauche.
Die Frau am Finanzamt war großartig. Sie sagte: "Das machen wir zusammen. Und wenn Sie soweit sind zu sprechen, dann sprechen Sie. Und die Leute in der Warteschlange sollen eben warten."
Dieser Satz hat mir viel gegeben.
Was ich anderen empfehle
Wenn du nach einem Schlaganfall Probleme mit dem Sprechen hast und telefonieren musst: Schreib dir vorher auf, was du sagen willst. Wer du bist, was du brauchst, deine Kundennummer, alles. Einen kleinen Absatz, den du ablesen kannst, wenn die Worte nicht kommen.
Und sag am Anfang des Gesprächs, dass du eine Sprachstörung hast. Die meisten Menschen sind geduldiger, als man denkt. Sie brauchen nur die Information, dass es nicht an Desinteresse liegt, sondern daran, dass das Gehirn mehr Zeit braucht.
Zusammengefasst
Aphasie geht nicht weg. Sie verändert sich, sie wird besser, sie wird handhabbar. Aber sie ist da. In den müden Abenden, in den nervösen Momenten, in der Fremdsprache, am Telefon. Ich habe gelernt, damit zu leben. Nicht weil ich es akzeptiert habe, sondern weil ich jeden Tag beschließe, trotzdem zu reden. Auch wenn es manchmal nicht perfekt ist. Auch wenn ein Interview in Zürich schiefgeht. Auch wenn ich am Ende des Tages die Worte nicht mehr finde.
Sprechen war immer mein Ding. Das ist es immer noch. Es sieht nur anders aus als früher.