In Österreich gibt man sich die Hand. Immer. Man gibt die Hand, wenn man jemanden trifft, wenn man sich verabschiedet, wenn man vorgestellt wird, beim Arzt, beim Elternabend, beim Bewerbungsgespräch. Händeschütteln ist so tief in unserer Kultur verankert, dass man es nicht bemerkt, bis man es nicht mehr kann.

Nach meinem Schlaganfall konnte ich meine rechte Hand nicht bewegen. Meine dominante Hand, die Hand, die man in Österreich zum Grüßen gibt. Durch die Spastik war sie so verkrampft, dass ich meine Finger nicht austrucken könnte.

Die Pandemie als Schutzschild

Ich hatte Glück im Unglück. Mein Schlaganfall war 2019, und kurz darauf kam die Pandemie. Plötzlich wollte niemand mehr Hände schütteln. Fistbump, Ellbogen, ein Nicken. Das war die neue Normalität. Für mich war es eine Erleichterung. Ich musste nichts erklären. Ich musste keine Strategie entwickeln. Die Welt hatte sich an meine Situation angepasst, ohne es zu wissen.

Aber Pandemien gehen vorbei. Und das Händeschütteln kam zurück.

Die Politiker-Technik

Ich habe mir etwas angewöhnt: Ich gebe meine rechte Hand, und lege meine linke darüber. So wie Politiker das machen, wenn sie besonders herzlich wirken wollen. Bei mir hatte es einen praktischen Grund. Meine linke Hand hat die rechte stabilisiert. Es sah bewusst aus, fast elegant. Fast niemand hat es hinterfragt.

Aber ganz ehrlich: hundert Prozent wohl habe ich mich damit nie gefühlt. Es war eine Lösung, keine natürliche Geste. Jedes Mal habe ich darüber nachgedacht, wie ich meine Hände halte. Etwas, worüber kein gesunder Mensch je nachdenkt.

Nach der Operation

2023 hatte ich eine Sehnenverlängerung an meiner rechten Hand. Die Sehnen waren durch die Spastik verkürzt, die Hand war verkrampft. Nach der OP wurde die Hand lockerer, offener. Und plötzlich ging das Händeschütteln wieder. Nicht wie früher, aber es ging.

Heute gebe ich die Hand wie jeder andere. Fast. Mein Händedruck hat keine Kraft. Wenn ich jemandem die Hand gebe, spürt die Person kaum Druck. Ein schwacher Händedruck. Damit kann ich leben.

Wenn ich sitze

Womit ich immer noch kämpfe: wenn ich sitze und jemand kommt auf mich zu, um mich zu begrüßen. Dann muss ich meinen Arm heben und nach vorne strecken. Das klingt einfach. Ist es nicht. Meistens gelingt es nicht richtig. Der Arm kommt nicht hoch genug, oder nicht schnell genug, oder die Bewegung sieht unbeholfen aus. Es entsteht dieser Moment, in dem beide Seiten merken, dass etwas nicht stimmt.

Was ich mir wünsche

Wenn du jemandem die Hand gibst und merkst, dass der Händedruck anders ist, schwächer, steifer, ungewöhnlich: Bitte frag nicht sofort, was los ist. Nicht als Erstes. Nicht als Einstieg in ein Gespräch.

Ich bin nicht mein Händedruck. Ich bin eine Person mit einem Beruf, mit Interessen, mit Meinungen. Ich möchte nicht bei jeder Begrüßung erklären müssen, dass ich einen Schlaganfall hatte. Die Behinderung darf Thema sein. Aber sie soll nicht die Eröffnung sein.

Wenn du es wissen willst, frag später. Im Gespräch, in einem natürlichen Moment. Dann erzähle ich gern. Aber lass mich zuerst ankommen, bevor du nach meiner Hand fragst.