Vor meinem Schlaganfall hatte ich eine Meinungsverschiedenheit mit einem Kollegen. Es ging um Kekse. Ich hatte Kekse mitgebracht, für alle im Büro. Was übrig war, stellte ich in unser gemeinsames Büro und sagte ihm, er soll sich bedienen. Nach drei Tagen waren die Kekse noch da. Er sagte, ich solle sie wegwerfen. Der Ton war nicht nett. Es waren Kekse, kein Salat. Es war nichts, das schlecht werden konnte. Am Wochenende davor hatten wir auch schon aneinandergeraten. Nichts Dramatisches. Normaler Büroalltag.

Dann hatte ich meinen Schlaganfall.

Und ich war überzeugt, dass er mich vergiftet hatte.

Die Logik des kranken Gehirns

Es ergab Sinn. Zumindest in meinem Kopf. Die Ärzte sagten mir, dass mein Schlaganfall ungewöhnlich war. Eine Hirnblutung bei einer gesunden 29-Jährigen, ohne erkennbare Ursache. Wenn die Ärzte keine Erklärung haben, dann muss jemand nachgeholfen haben. Und wer hatte ein Motiv? Der Kollege mit den Keksen.

Ich war mir sicher: Er hatte mich vergiftet, mit etwas, das man nicht nachweisen konnte. Etwas, das wie ein Schlaganfall aussieht. Und er wusste noch nicht, dass ich es wusste.

Der Besuch

Er kam mich im Krankenhaus besuchen. Er war nett, besorgt, aufmerksam. Und ich spielte mit. Ich war freundlich zurück. Aber innerlich fühlte ich mich wie eine Agentin, die einen Verdächtigen durchschaut hat. Ich kannte seine wahren Motive. Er wusste nicht, dass ich Bescheid wusste. Ich ließ mir nichts anmerken.

Wenn ich heute daran denke, ist es absurd. Aber in dem Moment war es vollkommen real. Es gab keinen Zweifel.

Die Suche nach Beweisen

Als ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt wurde und endlich mein Handy wieder benutzen konnte, habe ich angefangen zu recherchieren. Welches Gift kann einen Schlaganfall auslösen? Welche Substanzen sind nicht nachweisbar? Ich habe das tatsächlich gegoogelt. Mit einer Hand, mit Aphasie, kaum fähig zu lesen. Aber die Überzeugung war so stark, dass ich es trotzdem versucht habe.

Warum das Gehirn das tut

Meine Blutung war im linken Putamen, einem Teil der Basalganglien. Und genau diese Region ist dafür zuständig, das Gehirn vor falschen Überzeugungen zu schützen. Neurowissenschaftler nennen es "Reality Checking", eine Art interner Faktenprüfung. Bevor ein Gedanke sich als Überzeugung festsetzt, prüft das Gehirn normalerweise: Ist das plausibel? Passt das zu dem, was ich weiß?

Wenn die Basalganglien beschädigt sind, fällt diese Prüfung aus. Gedanken, die normalerweise als unsinnig erkannt und verworfen würden, setzen sich fest. Sie fühlen sich nicht wie Vermutungen an, sondern wie Gewissheiten. Das Ergebnis sind oft paranoide Wahnvorstellungen: die Überzeugung, dass jemand einem schaden will.

Studien zeigen, dass etwa fünf Prozent aller Schlaganfall-Patienten Wahnvorstellungen entwickeln. Bei Schäden an den Basalganglien ist das Risiko besonders hoch, und die Wahnvorstellungen haben oft einen paranoiden Charakter. Das heißt: Ich bin kein Einzelfall. Das ist ein bekanntes neurologisches Phänomen.

Wie es aufgehört hat

Es ist nicht von einem Tag auf den anderen verschwunden. Irgendwann hat die Überzeugung nachgelassen. Nicht weil jemand mich davon überzeugt hat, dass es nicht stimmt, sondern weil mein Gehirn sich erholt hat und die Selbstkorrektur langsam wieder funktioniert hat. Der Gedanke hat sich aufgelöst wie ein Traum, an den man sich morgens noch erinnert, der aber mit jeder Stunde weniger real wirkt.

Wie ich heute darüber denke

Es ist gleichzeitig gruselig, lustig und ein bisschen peinlich. Gruselig, weil mein Gehirn eine komplette Geschichte erfunden hat und ich sie geglaubt habe. Lustig, weil es um Kekse ging. Peinlich, weil der Mann nichts getan hat. Er hat mich besucht, weil er sich Sorgen gemacht hat. Und ich saß da und spielte Geheimagentin.

Ich erzähle die Geschichte heute als Anekdote. Aber sie hat auch eine ernste Seite. Wenn man nach einem Schlaganfall plötzlich überzeugt ist, dass jemand einem etwas antun will, dann ist das kein Charakterfehler und kein Zeichen von Schwäche. Es ist das beschädigte Gehirn, das seine Arbeit nicht richtig machen kann.

Für Angehörige

Wenn jemand nach einem Schlaganfall seltsame Überzeugungen äußert, die nicht zur Realität passen: Nicht diskutieren, nicht auslachen, nicht abtun. Es ist ein Symptom, kein Spleen. Es kann von allein besser werden, wenn das Gehirn sich erholt. Wenn es anhält oder sich verschlimmert, sollte ein Neurologe oder Psychiater einbezogen werden. Und wenn der Betroffene nicht darüber sprechen kann, weil die Sprache fehlt, dann kann die Paranoia besonders belastend sein, weil sie im Kopf eingesperrt bleibt.

Quellen

McMurtray AM et al. (2014): Acute Psychosis Associated with Subcortical Stroke: Comparison between Basal Ganglia and Mid-Brain Lesions. Case Reports in Neurological Medicine.

Stangeland H et al. (2018): Poststroke psychosis: a systematic review. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, 89(8), 879-885.

Farag M et al. (2024): Prevalence and determinants of post-stroke psychosis in Aswan: a prospective study. The Egyptian Journal of Neurology, Psychiatry and Neurosurgery, 60(1).