Ich bin eine Träumerin. Schon immer gewesen. Vor dem Schlaganfall hatte ich lebhafte, komplexe Träume. Manche erinnerte ich im Detail. Manche waren so intensiv, dass sie mich den ganzen Tag beschäftigten. Träumen war für mich normal, ein Teil von mir.

Dann hatte ich den Schlaganfall. Und die Träume hörten auf.

Zehn Tage ohne Traum

Ich habe es nicht sofort bemerkt. In den ersten Tagen auf der Intensivstation war alles ein einziger Nebel. Aber irgendwann, vielleicht nach zehn Tagen, wurde mir bewusst: Ich habe seit dem Schlaganfall nicht ein einziges Mal geträumt. Nicht schlecht geträumt, nicht wirr geträumt. Gar nicht geträumt. Jede Nacht war schwarz. Augen zu, Augen auf. Dazwischen: nichts.

Für mich war das verstörend. Es fehlte etwas. Wie wenn jemand den Ton in einem Film abdreht. Man sieht noch alles, aber es ist nicht mehr vollständig.

Ich wollte es jemandem sagen. Meiner Schwester und meinem Freund. Aber ich konnte nicht sprechen. Also versuchte ich es mit Gesten. Fünf Minuten lang habe ich mit Händen und Blicken versucht, ihnen zu erklären, dass ich nicht mehr träume. Fünf Minuten, für etwas das in einem Satz gesagt wäre. Am Ende haben sie es verstanden.

Aber sie haben nicht so reagiert, wie ich erwartet hatte. Für mich war es eine große Sache. Für sie war es ein weiterer Punkt auf einer langen Liste von Dingen, die gerade schiefgingen. Sie hatten andere Sorgen. Dass ich wieder gehen kann. Dass ich wieder sprechen kann. Dass die Blutung nicht größer wird. Ob ich träume oder nicht, war in diesem Moment nicht ihre Priorität.

Das war einer der einsamsten Momente. Nicht weil sie es nicht ernst nahmen. Sondern weil ich verstanden habe, dass manche Verluste so unsichtbar sind, dass niemand außer mir sie bemerkt.

Warum das Gehirn aufhört zu träumen

Träumen und Schlafen sind nicht dasselbe. Das klingt offensichtlich, aber neurologisch ist es eine wichtige Unterscheidung. Man kann tief schlafen, alle normalen Schlafphasen durchlaufen, sogar die REM-Phase haben, in der die Augen sich schnell bewegen, und trotzdem nicht träumen.

Meine Blutung war im linken Putamen, einem Teil der Basalganglien tief im Gehirn. Die Basalganglien sind unter anderem dafür zuständig, spontane Gedanken und innere Bilder zu erzeugen. Sie geben dem Gehirn den Anstoß, von selbst aktiv zu werden, ohne äußeren Reiz. Wenn sie beschädigt sind, wird es still im Kopf. Nicht nur nachts, auch tagsüber.

Eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Brain, hat genau das untersucht. Forscher weckten Patienten mit Basalganglien-Schäden während der REM-Phase und fragten, ob sie geträumt hatten. Nur 31 Prozent berichteten überhaupt von Trauminhalten, verglichen mit 92 Prozent bei gesunden Vergleichspersonen. Und die wenigen Träume, die es gab, waren kurz, einfach und ohne Emotionen.

Das Phänomen hat sogar einen Namen: Charcot-Wilbrand-Syndrom. Es wurde früher als extrem selten betrachtet, wird aber inzwischen häufiger erkannt, besonders nach Schlaganfällen.

Meine Theorie

Ich glaube, mein Gehirn war so beschäftigt mit Überleben, dass für Träume keine Kapazität übrig war. Das klingt unwissenschaftlich, aber es passt zu dem, was die Forschung zeigt. Die Basalganglien sind der Motor für spontane innere Aktivität. Wenn sie beschädigt sind, fährt das Gehirn diese Aktivität herunter. Es konzentriert sich auf das Wesentliche: Atmen, Herz schlagen lassen, wach werden wenn jemand ins Zimmer kommt. Alles andere, auch die Träume, wird gestrichen.

Wie es heute ist

Die Träume kamen irgendwann zurück. Nicht plötzlich, nicht vollständig, aber sie kamen. Heute träume ich wieder. Manchmal lebhaft, manchmal intensiv. Ob es wieder so ist wie vorher, kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Man erinnert sich nicht genau genug an das Davor, um es sicher zu vergleichen. Aber es ist besser geworden.

Was ich weiß: Die komplette Stille in der Nacht, die ist weg. Und darüber bin ich froh.

Warum das wichtig ist

Niemand fragt Schlaganfall-Patienten, ob sie noch träumen. Es steht in keinem Aufklärungsbogen. Es kommt in keiner Visite vor. Aber für Menschen, die vorher lebhaft geträumt haben, ist der Verlust real und irritierend.

Wenn du nach einem Schlaganfall nicht mehr träumst: Du bist nicht verrückt. Es ist ein bekanntes neurologisches Phänomen. Es hat mit der Stelle im Gehirn zu tun, die beschädigt wurde. Und bei vielen Betroffenen kommen die Träume mit der Zeit zurück.

Und wenn du Angehöriger bist und jemand versucht, dir fünf Minuten lang mit Gesten zu erklären, dass er nicht mehr träumt: Hör zu. Es ist wichtig. Auch wenn es gerade hundert andere Probleme gibt.

Quellen

Arnulf I et al. (2013): Can we still dream when the mind is blank? Sleep and dream mentations in auto-activation deficit. Brain, 136(10), 3076-3084.

Bischof M, Bassetti CL (2004): Total dream loss: A distinct neuropsychological dysfunction after bilateral PCA stroke. Annals of Neurology, 56(4), 583-586.

Solms M (1997): The Neuropsychology of Dreams: A Clinico-Anatomical Study. Lawrence Erlbaum Associates.