Ich arbeite an der BOKU Core Facility for Bioinformatics in Wien. Mein Job besteht im Wesentlichen aus zwei Dingen: Computer und Meetings. Das passt zu meinen aktuellen Möglichkeiten. Hier ein ehrlicher Blick darauf, wie ein Arbeitstag bei mir konkret aussieht und welche Werkzeuge und Routinen mir dabei helfen.
Meetings aufnehmen, transkribieren, zusammenfassen
Wenn ich in einem Präsenz-Meeting sitze, nehme ich es mit meinem Handy auf, sofern alle Anwesenden einverstanden sind. Bei Remote-Meetings nutze ich die eingebaute Aufnahmefunktion. Im Anschluss läuft das Audio durch Whisper, ein Spracherkennungsmodell, das das Gespräch in Text umwandelt. Aus diesem Transkript lasse ich mir dann von einem KI-Assistenten eine Zusammenfassung schreiben.
Der Vorteil ist nicht die Zusammenfassung allein. Es ist das durchsuchbare Transkript. Wenn ich zwei Wochen später nicht mehr sicher bin, ob etwas wirklich so besprochen wurde, oder wer welche Zusage gemacht hat, kann ich nachschauen statt nachfragen. Das spart mir mentale Energie und nimmt Druck aus dem Moment des Meetings selbst. Ich muss nicht alles auf einmal mitdenken und mitschreiben. Ich kann voll und ganz zuhören.
Noise-Cancelling-Kopfhörer im Mehrpersonenbüro
Ich teile mir ein Büro mit drei Kolleginnen und Kollegen. Seit dem Schlaganfall kann ich nicht mehr mehrere Geräuschquellen gleichzeitig verarbeiten. Wenn jemand telefoniert und nebenan tippt jemand, wird es laut in meinem Kopf. Meine Lösung: Noise-Cancelling-Kopfhörer, immer griffbereit. Und es signalisiert meinem Team auch - jetzt will ich nicht gestört werden.
KI als Forschungswerkzeug
Künstliche Intelligenz ist in meinem Arbeitsalltag kein Hype, sondern ein Hebel. Ich nutze:
- Semantic Scholar für die strukturierte Literaturrecherche. - Perplexity für Schnellrecherchen mit Quellenangabe. - Academic AI, der ChatGPT-Dienst der BOKU für Studierende und Mitarbeitende. Läuft auf einer abgeschotteten Azure-Instanz innerhalb der EU, gibt Zugriff auf Claude, GPT und Gemini. Daten werden nicht für Modelltraining verwendet, was für sensible Inhalte aus dem Forschungsalltag wichtig ist. - Whisper für die Sprach-zu-Text-Umwandlung von Meetings und Diktaten. - WhatsApp Voice-to-Text im Privatleben, weil Tippen mit einer Hand bei längeren Texten zu langsam ist.
Diese Werkzeuge ersetzen kein Denken, aber sie nehmen mir die Last der reinen Mechanik ab: Tastatur-Eingabe, mehrfaches Durchblättern, mühsames Notieren. Genau die Aufgaben, die für mich nach dem Schlaganfall am teuersten geworden sind.
Zwei Tage Home Office, flexibel verteilt
Ich habe zwei Tage Home Office pro Woche, formell vereinbart. Die Universität ist flexibel, wann ich diese Tage nehme. Manche Tage habe ich viel Energie und arbeite lange Stunden. Andere Tage sind kürzer, weil der Akku schon mittags leer ist. Diese Flexibilität ist für mich kein Komfort, sondern Energiemanagement. Ich kann meine Arbeitszeit dorthin legen, wo meine Konzentration tatsächlich ist.
Ergonomische Maus und keine Handschrift
Mein Arbeitsplatz hat eine ergonomische Maus. Sonst keine Spezialgeräte, normale Tastatur, normaler Bildschirm. Ich bin Rechtshänderin, schreibe heute mit links, und meine Handschrift ist auch nach Jahren des Übens schlecht lesbar. Solange ich nichts auf Papier schreiben muss (das für andere lesbar sein muss), komme ich problemlos durch den Arbeitstag. Alles läuft digital.
Das Team
Mein Team behandelt mich als gleichwertige Kollegin. Mein Schlaganfall ist im Arbeitsalltag fast nie Thema. Das ist mir wichtig, weil ich mehr bin als meine Behinderung. Wenn etwas an meinem Tempo oder meinen Bedürfnissen anders ist, kommunizieren wir das pragmatisch und es ist erledigt. Diese Selbstverständlichkeit ist nicht überall vorhanden, und ich weiß zu schätzen, dass sie bei uns die Norm ist.
Was mir in Gesprächen hilft
Manchmal finde ich meine Wörter nicht sofort. Es ist menschlich, dass jemand helfen will und Wörter vorschlägt. Aber das Reinfallen wirft mich noch mehr aus dem Konzept. Das Wort kommt, wenn man mir ein paar Sekunden lässt. Was mich zusätzlich blockiert: wenn jemand während des Gesprächs auf die Uhr oder weg schaut. Dann werde ich nervös und der Faden ist weg. Das beste, was ein Gegenüber tun kann, ist ruhig zuhören und mich ausreden lassen.
Zusammengefasst
Mein Arbeitsalltag funktioniert mit einer überschaubaren Toolbox: aufgenommene und transkribierte Meetings, Noise-Cancelling-Kopfhörer, ein Stapel KI-Werkzeuge für die Mechanik der Arbeit, eine ergonomische Maus, flexible Home-Office-Tage und ein Team, das mich als Kollegin sieht und nicht als Sonderfall. Wenn du nach dem Schlaganfall in einem Bürojob arbeitest, lohnt es sich, jedes dieser Elemente einzeln zu prüfen: was davon hilft dir wirklich, und was kann dein Arbeitgeber, dein Team oder du selbst dafür einrichten.