Ich hatte meinen Schlaganfall nicht in Österreich. Ich hatte ihn in Rochester, Minnesota, in den USA. Drei Wochen nachdem ich aus Wien dorthin gezogen war. Meine Familie war in Österreich. Mein Hausarzt war in Österreich. Meine Versicherung war aus Österreich. Und ich lag stumm und halbseitig gelähmt auf einer amerikanischen Intensivstation.
Das ist der Albtraum, an den niemand denkt, wenn er ins Ausland geht. Aber er passiert. Schlaganfälle passieren überall, auch jungen Menschen, auch im Urlaub, auch im Auslandssemester.
Die ersten Stunden: Medizin kennt keine Grenzen
Die gute Nachricht: In der Akutphase ist es fast egal, wo man ist. Ein Schlaganfall wird weltweit nach ähnlichen Protokollen behandelt. CT, neurologische Untersuchung, Intensivstation. Die Ärzte in Rochester haben alles richtig gemacht. Die Medizin hat funktioniert.
Das Problem beginnt danach.
Familie erreichen
In meinem Fall wusste niemand, wie man meine Familie kontaktieren konnte. Mein Handy war in meinem Spind im Fitnessstudio eingesperrt, gesichert mit einem Code, den ich nicht mehr sagen konnte. Zum Glück war meine Freundin dabei. Die kannte einen meiner Freunde aus Österreich. Der kannte widerum meinen Supervisor. Und der hatte die Telefonnummer meiner Familie.
Meine FreundInnen und KollegInnen am Forschungslabor waren die Ersten, die von dem Schlaganfall erfuhren. Sie blieben an meinem Bett, sprachen mit den Ärzten, gaben die Krankengeschichte weiter, soweit sie sie kannten. Ohne sie wäre ich völlig allein gewesen.
Meine Schwester erfuhr Tage später davon und flog sofort aus Österreich nach Minnesota. Mein Freund auch. Aber bis sie da waren, vergingen vier Tage. Vier Tage, in denen ich auf einer Intensivstation lag, nicht sprechen konnte und niemand von meiner Familie wusste, was los war.
Versicherung: Das unbekannte Terrain
Ich hatte eine Auslandskrankenversicherung. Die gute Nachricht: Sie hat die Behandlung übernommen. Die schlechte Nachricht: Niemand wusste anfangs, ob und wie viel sie zahlen würde. Und ich habe auf der Intensivstation fast 20,000 Euro pro Tag gebraucht. Ingesamt waren es dann circa 250,000 Euro.
Meine Schwester und mein Freund hatten in den ersten Tagen Fragen zu Versicherungsdeckung, Bankkonten, Vollmachten. In der Krankenakte steht: "Sister shared that the patients insurance and banking is based out of Austria. Sister did identify that the patient has a secondary insurance as well. She shared that they have been in contact with the insurance company as there are concerns they may not pay for the entire hospitalization."
Wer ins Ausland geht, sollte vorher klären: Was deckt meine Versicherung ab? Gibt es eine Obergrenze? Was passiert bei einem Langzeitaufenthalt? Ist ein Krankenrücktransport versichert?
Vollmacht und Patientenverfügung
In der Krankenakte steht: "Advance Directives: None on file. No active Health Care Agents." Das bedeutet: Niemand war offiziell berechtigt, medizinische Entscheidungen für mich zu treffen. Mein Code-Status, also die Frage ob im Notfall wiederbelebt werden soll, wurde als "Full code, not discussed" dokumentiert, weil ich wegen meiner Aphasie nicht an der Diskussion teilnehmen konnte und kein bevollmächtigter Angehöriger vor Ort war.
Der Sozialdienst musste beim internationalen Büro nachfragen, wie Vollmachten aus Österreich in Minnesota gelten. Das ist nicht trivial. Österreichisches Recht und amerikanisches Recht funktionieren unterschiedlich.
Mein Tipp: Vor jeder längeren Auslandsreise eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung machen. In Österreich kann man das bei jedem Notar oder über die Patientenanwaltschaft. Es kostet wenig, dauert nicht lange und kann im Ernstfall alles vereinfachen.
Sprachbarriere
Für Menschen, die im Urlaub einen Schlaganfall erleiden und die Landessprache nicht gut sprechen, kommt die Sprachbarriere zum medizinischen Problem dazu. Ärzte müssen über Dolmetscher kommunizieren. Feinheiten gehen verloren. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, verstärkt sich.
Rücktransport
Der Plan war von Anfang an klar: Sobald ich stabil genug bin, zurück nach Österreich. In der Krankenakte steht: "On discussion with her sister, the plan is to eventually transition back to their parents home in the Linz, Austria area." Die Rehabilitation sollte dort stattfinden, wo die Familie ist und wo das Gesundheitssystem langfristig zuständig ist.
Ein Krankenrücktransport nach einem schweren Schlaganfall ist aufwändig. Man braucht eine ärztliche Flugtauglichkeitsbescheinigung. Oft fliegt medizinisches Begleitpersonal mit. Die Versicherung muss das genehmigen. Das alles dauert und muss organisiert werden, während man gleichzeitig im Krankenhaus ist. Ich bin schließlich dann am 24. Dezember in Linz angekommen. Wie das Christkind.
Checkliste: Vorsorge für Auslandsaufenthalte
Auslandskrankenversicherung abschließen, die auch Langzeitaufenthalte und Rücktransport abdeckt. Police mitnehmen oder digital speichern.
Vorsorgevollmacht erstellen und eine Kopie einer Vertrauensperson geben. Auch digital abspeichern.
Patientenverfügung verfassen, falls gewünscht.
Notfallkontakt im Handy als ICE-Kontakt speichern, der auch ohne Entsperren sichtbar ist.
Wichtige Dokumente wie Versicherungspolice, Reisepass, Vollmacht nicht nur auf dem Handy, sondern auch in der Cloud oder bei einer Vertrauensperson haben.
Lokale Notrufnummern kennen. In den USA ist es 911, in der EU 112.
Zusammengefasst
Ein Schlaganfall im Ausland ist ein medizinischer Notfall plus ein organisatorischer Notfall. Die Medizin funktioniert überall ähnlich. Aber alles drumherum, Familie, Versicherung, Vollmacht, Rückkehr, wird um ein Vielfaches komplizierter. Man kann sich nicht auf alles vorbereiten. Aber eine Versicherung, eine Vollmacht und ein gespeicherter Notfallkontakt sind ein Anfang. Das hätte ich mir selbst geraten, bevor ich nach Amerika gegangen bin.